Filmreihe zum AKW-Widerstand

14.06.2016 Die Anfänge in Wyhl: „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (1976)
28.06.2016 Militanz in Wackersdorf: „Spaltprozesse“ (1987)
19.07.2016 Widerstand im Wendland „Haut ab“ (1997)

jeweils 20 Uhr im TTZ (Softwarecenter 3), im Anschluss an die Filme Gespräche mit Zeitzeugen

Der GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl jährte sich im April 2016 zum 30. Mal. Folge dieser menschlich gemachten Katastrophe waren tausende Krebsopfer, tausende Quadratkilometer unbewohnbares Gelände und die Verbreitung gewaltiger Mengen radioaktiven Materials über fast ganz Europa. Noch heute hat die ukrainische Bevölkerung unter dieser Havarie zu leiden.

Im Rahmen einer kleinen Filmreihe und anschließenden Gesprächen mit Zeitzeug*innen möchten wir eine Bewegung vorstellen und würdigen, der es durch Hartnäckigkeit, langen Atem und das Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Akteur*innen gelungen ist, einer lebensverachtenden Technologie das Aus zu bereiten: Der Atomkraft.

Erfolgreichen Widerstand organisieren.....

In der Anti-AKW-Bewegung gab und gibt es viele Akteur*innen: Linksradikale systemkritische Gruppen, konservative bäuerliche und proletarische Milieus, die von den Baumaßnahmen unmittelbar betroffen waren bzw. sind, Wissenschaftler*innen, die kritisch zu ihrer Profession stehen, Teile der liberalen Zivilgesellschaft, Vertreter*innen aus Kirchen und Gewerkschaften u.v.m.
Es ging aber nicht nur darum, einzelne Bauvorhaben zu verhindern. Die Anti-AKW-Bewegung dachte international und begründete ihr Anliegen gesamtgesellschaftlich. Sie ließ sich nicht an der Gewaltfrage spalten und hielt an ihren unmittelbaren politischen Forderungen beharrlich und geduldig fest. Noch heute wird dafür gekämpft: Kein AKW hier und anderswo!

Der Anti-AKW-Bewegung ist es zu verdanken, dass die Akzeptanz der Atomtechnologie durch die Bevölkerung gekippt ist. Die GAUs im ukrainischen Tschernobyl (1986) und japanischen Fukushima (2011) trugen zusätzlich dazu bei. Dadurch konnte der (natürlich noch viel zu langsame) Ausstieg aus dieser Technologie erfolgen.

Aber der vermeintlichen Ein-Punkt-Bewegung ist nicht nur die Energiewende zu verdanken: Sitzblockaden, Platzbesetzungen, aber auch selbstorganisierte (Lern)Orte fanden ihren Anfang mit der Anti-AKW-Bewegung. Diese Widerstandsformen des zivilen Ungehorsams gehören heute wie selbstverständlich nicht nur für ein linkes Milieu zu den außerparlamentarischen Protestformen.
Basisdemokratische Prozesse (z.B. in Form von Bürgerinitiativen) wurden initiiert und erfolgreich umgesetzt, Volksentscheide und gerichtliche Auseinandersetzungen wurden genutzt, um die Durchsetzung von Verwaltungsakten zu verhindern. In Planungsprozessen wurden Mitsprachemöglichkeiten erkämpft und und und......
Außerdem herrscht heute Gewissheit darüber, dass der ungebremste technologische Fortschritt und seine ungehemmte Anwendung Destruktivkräfte frei setzen kann, die die menschliche Lebensgrundlage zerstören.

Deshalb sind die drei Filme für diejenigen spannend, die sich mit der Anti-AKW-Bewegung beschäftigen oder in alten Erinnerungen schwelgen wollen. Und auch für diejenigen, die sich heute Gedanken über Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse machen. Denn auch heute noch gibt es genug zu tun......

Beispiel 1: Die Anfänge in Wyhl: „Lieber heute aktiv – als morgen radioaktiv“ (1976)

Ihren Anfang nahm die Bewegung Anfang der 1970er Jahre in der Region Unterelbe und im sogenannten Dreyeckland – im Oberrheintal in Südbaden und im Elsass. Gleich drei Projekte wollten dort von einer sich international verstehenden Betroffenenbewegung verhindert werden:
Das AKW Fessenheim auf französischer Seite, das AKW Wyhl auf deutscher Seite und ein Chemiewerk in Marckolsheim im französischen Elsass. Durch Proteste, Platzbesetzungen und im Gerichtssaal ist es gleich am Anfang gelungen den Bau des AKW Wyhl zu stoppen und die Errichtung der Chemiefabrik im Elsass zu verhindern. Diese Erfolge gaben der Bewegung einen Auftrieb weit über die Region hinaus.

In dem Film „Lieber heute aktiv – als morgen radioaktiv“ von Nina Gladitz (1976) wurde dieser Prozess dokumentarisch festgehalten. Dieser Film ist aber nicht nur ein herausragendes Zeitdokument, sondern bietet auch gleichzeitig analytische Ansätze, um die Bewegung verstehen zu können.
Der Film ist von der Bewegung für die Bewegung, ihre Protagonist*innen kommen zu Wort. Manches mag aus heutiger Sicht etwas skurril erscheinen, die Sprache und die Wortwahl teils alles andere als PC. Aber deutlich wird, dass die Akteur*innen von Anfang an in ihrem politischen Kampf auch gewaltige Emanzipationsschritte vollzogen haben.
Erläutern wird uns diese Zeit auch einer der Mitbegründer des damals illegalen Senders „Radio Verte Fessenheim“ später das älteste freie Radio „Radio Dreyeckland“, Karl Heinz Grieger.
Radio Dreyeckland war ein wichtiges Medium, das den Widerstandsaktionen eine eigene Öffentlichkeit verschaffte und mithalf, das Anliegen der Bewegung zu verbreiten.

Beispiel 2: Militante Auseinandersetzungen in Wackersdorf: „Spaltprozesse“ (1987)

Zehn Jahre später wurde im oberpfälzischen Wackersdorf gegen den Bau der zentralen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland gekämpft. Es kam auch zu militantem Widerstand, wobei sich die Polizei über die wachsende Solidarisierung der Einheimischen, deren Rechte immer weiter eingeschränkt wurden, mit den auswärtigen Atomkraftgegner*innen beklagte.
Die Worte „Besetzung“ und „Bürgerkrieg“ wurden zur Schilderung der Situation in der Presse populär, zumal das Ende der 1970er Jahre erschienene Buch „Der Atomstaat“ von Robert Jungk eine solche Entwicklung prognostiziert hatte. Von 1985 bis 1989 gehörten Demonstrationsverbote, Hausdurchsuchungen, Umstellung von Dörfern, Verhaftungen sowie der Einsatz großer Polizeiverbände aus dem gesamten Bundesgebiet sowie des Bundesgrenzschutzes zur politischen Szenerie in der Region.
Ende 1986 wurde das letzte umkämpfte AKW (Brokdorf) in Betrieb genommen und die bundesdeutche Anti-AKW-Bewegung fand in der sogenannten Entsorgungsfrage des Atommülls ihren entscheidenden Kristallisationspunkt. Neben den begründeten Sicherheitsrisiken beim Umgang mit dem Atomabfall thematisierte die Bewegung beim Bau der WAA auch die Möglichkeit der Erzeugung von spaltbarem Material für Atomwaffen.

Der mehrfach ausgezeichnete Film „Spaltprozesse“ von Claus Strigel und Betrram Verhaag von 1987 zeigt sehr anschaulich die mit dem Bau der WAA verknüpften Entwicklungen bei den engagierten Teilen der ansässigen Bevölkerung. Die zunehmende Radikalisierung des Widerstands im Laufe der von der Staatsseite eskalierten Auseinandersetzung und der Festigung der Solidarität aller Beteiligten, seien sie aus der Oberpfalz oder aus den restlichen Gebieten der Republik.
Als Zeitzeuge begleitet uns Ben Bender, ein langjähriges Mitglied der Marburger Anti-AKW-Initiative BigAM.

Beispiel 3: Widerstand bis heute im Wendland – Haut ab! (1997):

Einen ersten Höhepunkt erreichte der Widerstand im Wendland im Kampf gegen das geplante Atommüll-Endlager mit der Besetzung des Bauplatzes und der Ausrufung der freien Republik Wendland im Jahre 1980. Hier sollte das Atomklo des Westens entstehen und die Entsorgungsfrage mit einem umfassenden Konzept aus Endlager, Zwischenlager und Konditionierungsanlage „gelöst“ werden. Eine neue Phase der Mobilisierung wurde aber gerade durch den Verzicht auf die WAA in Wackersdorf dann in den 1990er Jahren eingleitet. In den Abkommen mit den Anlagen in Le Hague und Sellafield musste der aufbereitete Atommüll wieder zurückgenommen werden. Als Zwischenlager wurde der Standort Gorleben bestimmt, die Mobilisierung gegen die dafür notwendigen Castortransporte begann. Seit dieser Zeit konzentriert sich der Anti-AKW-Kampf auf die größte Schwachstelle des Atomkonzeptes, auf die Entsorgungsfrage.
Das Blockierungskonzept gegen die inzwischen 14 Transporte hat u.a. auch zum Ziel, die politischen und materiellen Kosten immer weiter in die Höhe zu treiben.

In dem sehenswerten Film „Haut ab!“ von Roswitha und Gerhard Ziegler von der Wendländischen Filmkooperative aus dem Jahr 1997 wir der Begriff Widerstand sehr facettenreich thematisiert. Widerstand ist Ausbrechen aus der Norm, ist Maulwurfsarbeit, ist was Gewachsenes.
Als Zeitzeuge berichtet uns der langjährige Umweltaktivist Daniel Manwire.

Auch wenn die Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomtechnologie verkündet hatte, das Ende dieser technologischen Sackgasse ist noch lange nicht erreicht. Bis zur letzten geplanten Abschaltung im Jahre 2022 ist genug Zeit, den Ausstieg vom Ausstieg noch einmal zu erklären. Und wenn in der BRD das letzte AKW vom Netz genommen wird, arbeiten noch ca 450 Reaktoren in über 30 Staaten der gesamten Welt weiter, werden weiter noch welche geplant und gebaut.

Die Entsorgunsfrage ist natürlich noch völlig offen. Die stillgelegten Reaktoren müssen noch zurückgebaut werden. Wer letztlich für die Kosten aufkommt, ist noch nicht geklärt.

Darüber hinaus wird weiter an der nächsten Sackgasse geforscht und in diese investiert – die Kernfusion.

Die Dreckschleudern der Kohelverstromung bleiben weiter unabsehbar in Betrieb.
Und natürlich sind die ökonomisch-politischen Voraussetzungen, die die AKW-Technologie etablierten, nach wie vor gegeben.

Es gibt viel zu tun – Ende Gelände ist Handarbeit.